2018 | rock’n’popmuseum: Dauerausstellung | Gronau

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Neue Dauerausstellung im rock’n’popmuseum Gronau: Mit 3D Sound interaktiv durch die Musikgeschichte reisen

Ein so komplexes und vielschichtiges Themengebiet wie die Rock- und Popmusik in einer Ausstellung zu fassen und generationsübergreifend zu vermitteln ist ein spezielles Unterfangen. Gelöst wurde es mit einem Konzept, das sowohl auf edukativen als auch auf emotionalen Elementen aufbaut, das sowohl klassische Exponate zeigt als auch innovative Soundtechnik anwendet, das sowohl Mainstream als auch Subkultur eine Bühne gibt. Mit einer dichten Vielfalt von Unterthemen und technischen Medien wird in diesem Sinne mal systematisch, mal spielerisch ein weites Spektrum an Information über und Erlebnis von Musik dargeboten. Es ist eine Herangehensweise, die der eklektischen Entwicklung der Rock- und Popmusik vollauf gerecht wird. 

Das rock’n’popmuseum in Gronau, im nordrhein-westfälischen Münsterland direkt an der niederländischen Grenze gelegen, hat seine Dauerausstellung umgestaltet und Ende 2018 neu eröffnet. Es ist eine vielschichtige Ausstellung, die den schillernden Facettenreichtum der Rock- und Pop-Musik durch die Jahrzehnte und Genres multimedial und interaktiv erlebbar macht. 

Als sympathischer Einstieg werden die Besucher*innen schon am Eingang auf einer Multimonitor-Installation von Gronaus berühmtestem Sohn, der Rocklegende Udo Lindenberg, begrüßt. In dicht aufeinanderfolgenden Audiozonen und Filmbereichen, vor Touchscreen-Stationen, Showcases und Vitrinen werden sie dann mit dem interaktiven Audiosystem usomo auf einer abenteuerlichen Tour durch Jahre, Orte und Stile der Musikgeschichte geführt. Themenschwerpunkte liegen auf Hauptmerkmalen von Rock und Pop wie Stage-Performance oder Musiker*innen als idolisierten Stars, aber es werden auch Musikstile verschiedener Subkulturen wie Punk und Techno, aus der LGBTQ-Szene und dem Civil Rights Movement beleuchtet. Das Konzept ist darauf angelegt, die Entwicklung westlicher Musik der letzten 150 Jahre, also seit Anbeginn musikalischer Reproduzierbarkeit, in einer möglichst großen Bandbreite kompakt darzustellen und alle Generationen anzusprechen. Dieses ambitionierte Vorhaben ist mit einer objektiv systematischen und doch auch subjektiv zusammengestellten Auswahl von Exponaten, Musiker*innen und Musikstilen und dem Einsatz einer durchdachten Palette von Medien, die von einfachem Text bis zu 3D Sound reicht, gelungen. 

Ein multimedialer Rundgang durch Zeiten und Strömungen

Die Umsetzung des Konzepts, federführend realisiert vom Architekten Studio Andreas Heller aus Hamburg, zielt in erster Linie auf eine didaktische, aber gleichzeitig auch emotionale Informationsvermittlung ab. In der Turbinenhalle, ein riesiger rechteckiger Raum von etwa 800 qm, sind eine große Anzahl von Touch-Monitoren, Vitrinen mit Exponaten und Songs, Showcases mit Filmprojektionen und Fotos verteilt, die von interaktiven Audiozonen umgeben oder durch sie verbunden sind. Man bewegt sich frei zwischen diesen Audiozonen, in denen der Sound, gesynct mit den visuellen Elementen im Raum, mit den Bewegungen des Menschen fließend mitzugehen scheint. Auf den Kopfhörern, die man trägt, hört man dann Musik oder Audiotexte, die einen akustisch immersiv in die jeweiligen Themen hineintauchen lassen. Die Kopfhörer kommunizieren mit den im Raum verteilten Sendern, die ihre Position tracken und in Echtzeit positionsgenau verortet die individuellen Tonspuren, die auf einem zugehörigen Device gespeichert sind, abspielen. Ein visuelles Symbol kennzeichnet Punkte, wo auf dem Device zusätzliche Informationen manuell abgerufen werden können. 

Auf dem Rundgang erkunden Besucher*innen die chronologische und regionale Entwicklung von Musikstilen und lassen sich Geschichten von der Entwicklung der Rock- und Popmusik erzählen. Von frühen Formen der US-Popmusik mit Jazz (Louis Armstrong) oder Rock’n’Roll (Chuck Berry) über Festivals wie Woodstock oder die Essener Songtage und legendäre Orte wie die Clubs Studio 58 in New York oder das SO36 in Berlin bis zu Strömungen wie der Neuen Deutschen Welle (Ideal, Die Tödliche Doris) oder der Hamburger Schule (Tocotronic, Jan Delay) und auch YouTube-Stars – es ist ein akustisches und visuelles Kaleidoskop der Rock- und Popmusik, das hier in einem bunten Bouquet an Kostümen und Requisiten, Schallplatten und CDs, Texttafeln und Bildern, Filmen und Dokumenten vermittelt wird.

Musiker*innen, Bands, ihre Styles und ihre Stories werden in personenbezogenen Themenbereichen wie zum Beispiel „Performance“ portraitiert (darunter Pink Floyd, Kiss, David Bowie, Grace Jones und Madonna), auf alten Röhrenfernsehern laufen Original-Konzertmitschnitte aus den 80ern, auf LCD-Flatscreens dagegen aktuelle Interviews mit Musikschaffenden und Produzent*innen, ergänzt durch Text und Fotos von ihren Tätigkeiten. Selbstredend taucht Udo Lindenberg gleich mehrfach auf. Man lernt hier Keyfacts über den Durchbruch der Beatles 1960 in Hamburg ebenso wie auf welche Weise genau sich die modernen Musikstile durch technische Erfindungen wie Rundfunk und Tonträger so rasant verbreiten konnten. 

Vom Phonographen bis zum interaktiven 3D Sound

Die Stationen und Audiozonen sind in einer starken Dichte angelegt. Für das Team des 3D Audiosystems usomo war diese enge Taktung eine besondere Herausforderung. Das Prinzip des Systems basiert nämlich auf der interaktiven Echtzeit-Kommunikation des Trackingmoduls an den Kopfhörern mit Sendern im Raum, die den Wegen der Besucher*innen präzise folgen und ihnen ihre individuellen Soundscapes sauber zuspielen. Nun sind die einzelnen Audiozonen relativ klein – teilweise haben sie nur einen Quadratmeter – und durch die Menge an Glasvitrinen, Stellwänden und Exponaten ergeben sich zudem viele Hindernisse bei der Übertragung der akustischen Frequenzen. Aber es ist gelungen, die gesamte Fläche mit sehr vielen Objekten im Raum als zusammenhängende Klanglandschaft in korrekt trackbaren Soundzonen darzustellen. 

Alle halbe Stunde gibt es eine computergesteuerte Showeinlage mit Film und Sound, den „Pophimmel“. Sobald sie anläuft, fährt der interaktive Sound auf den Kopfhörern automatisch herunter, das System schaltet auf die stationären Lautsprecher im Raum um und nach der Show zurück auf die Kopfhörer. Dieses Feature wurde von usomo in Zusammenarbeit mit Studio Andreas Heller und dem rock’n’popmuseum situationsbedingt konzipiert, ist auch in anderen Kontexten nutzbar und unterstreicht die Flexibilität und Entwicklungsfähigkeit von usomo. Auch die zusätzlich verfügbare textliche Information auf den Devices, gekennzeichnet per Symbol an Wänden und Vitrinen, stellt ein Feature dar, das im Zusammenhang mit diesem Projekt entstanden und auch anderweitig einsetzbar ist. 

Ein spezielles kleines Highlight ist „History of Sounds“. Auf dem Boden markieren viereckige Felder Schlüsseljahre in der historischen Entwicklung von Soundtechnik, von analog bis digital. Ein Lied aus dem 19. Jahrhundert wird in fünf Versionen, fünf Medien und fünf Qualitäten, die typisch für den jeweiligen Zeitpunkt sind, abgespielt. Besucher*innen erleben nicht nur den direkten Vergleich von Aufnahmequalitäten zwischen dem Phonographen (1877), Schellack (1896), Vinyl (1945), der CD (1980) und 3D Sound (2018), sondern gleichzeitig auch den epochalen Stilwandel an ein und demselben Musikstück. 

Avantgarde und Forschung im Museum

Neben dieser innovativen Dauerausstellung und wechselnden Themenausstellungen wartet das rock’n’popmuseum mit einigen weiteren Besonderheiten auf. So ist das legendäre Aufnahmestudio der deutschen Avantgarde-Band Can jetzt hier und öffentlich zugänglich gemacht worden. Can haben darin, als es noch in einem vormaligen Kinosaal in Köln untergebracht war, zwischen 1971 und 1978 acht Studioalben produziert. Außerdem ist das rock’n’popmuseum im Verbund mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik an der Universität Freiburg und der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar mit einem Forschungsprojekt aktiv. Dabei geht es zentral um die Frage, wie populäre Musik seit 1945 mit neuartigen Musikinstrumenten und Tonstudiotechnik produziert, als Tonträger gespeichert und gesammelt sowie auf verschiedenen Geräten abgespielt und so wieder hör- und erlebbar gemacht wird.


Website rock-popmuseum.de

Auftraggeber rock’n’popmuseum, Gronau

Ausstellungsarchitektur Studio Andreas Heller, Hamburg

Räumliches Soundsystem usomo von FRAMED immersive projects, Berlin

usomo Tasks usomo Soundsystem, räumliche Audioproduktion

Zeitraum Dauerausstellung im November 2018 eröffnet

Fotos 1–2 © rock’n’popmuseum / Mario Brand
Fotos 3–7 © rock’n’popmuseum / Julia Knop